Respekt und Glaube

Ständig wird heute zum „Respekt vor Religionen“ aufgerufen. Vertreter der drei großen monotheistischen Weltreligionen sind der Ansicht, dass religiöse Gefühle und Überzeugungen nicht verletzt werden dürfen1. Doch wie weit sollte dieser Respekt reichen? Gibt es nicht auch auf der Seite der Atheisten Gefühle, auf die man achten sollte – ja sogar muss, um sich nicht „moralischen Pluralismus“ vorwerfen lassen zu müssen?

Atheismus bezeichnet Religionslosigkeit, nicht Gefühlslosigkeit

Es wird zwar mitunter verlangt, jedwede Form von Religion wertzuschätzen, manchmal bekommt man jedoch den Eindruck, dass der Respekt für die Nichtreligiosität ausbleibt. Der Unglauben wird bisweilen einfach nicht akzeptiert, noch nimmt man Rücksicht auf die Ungläubigen, noch schätzt man sie. Erst kürzlich wurde bekannt, dass ein beliebtes religionskritisches Kinderbuch indiziert werden sollte, weil es jugendgefährdende Texte beinhalten soll. Wer das Buch gelesen hat und ebenso wie ich über die zugehörigen Illustrationen schmunzeln musste, fragt sich jetzt wahrscheinlich, ob man das Kinderbuch nicht mit dem Koran oder der Bibel bzw. der Tora verwechselt hat. Denn anders als diese Werke liebäugt das „Ferkelbuch“ nicht mit Hexenmord2, der Vernichtung ganzer Völker3 oder Gewalt gegenüber Ungläubigen4. Ganz im Gegenteil – das Ferkelbuch ist eine Schrift, die zur Aufklärung unserer Kleinsten beitragen und sie gegen die religiöse Indoktrination immunisieren soll.

Sollte dieses aufklärerische Buch die religiösen Gefühle eines Gläubigen verletzen, so muss im Gegenzug von geistlicher Seite her auch akzeptiert werden, dass die nichtreligiösen Gefühle eines Atheisten ebenso verletzt werden, wenn der Kardinal am Weihnachtstag zur besten Sendezeit sein Gebet im öffentlich-rechtlichen Rundfunk spricht oder sonntags katholische Messen live übertragen werden5. Es muss auch akzeptiert werden, dass die bekannten religiösen Gottesbücher die nichtreligiösen Gefühle ungläubiger Menschen verletzen können. So sind Hexentötung2, Genozid3 und Gewalt bzw. Aggressionen gegenüber Ungläubigen4 doch nicht jedermanns Sache. Man darf sich in einem säkularen Staat nicht anmaßen, Religionskritik als etwas per se der „Zensur“ würdiges zu behandeln – ihr auch verhältnismäßig wenig Raum in der Öffentlichkeit zu bieten6, den Atheisten aber zuzumuten, jedwede Form der Missionierung hinzunehmen. Ohnedies sollte eigentlich die Vernunft gebieten, im 21. Jahrhundert dem Ferkel7 deutlich mehr Medienpräsenz zuzugestehen, als der Geistlichkeit.

Der Respekt dem Glauben gegenüber

Wir schätzen heute karitative Einrichtungen, wir achten humanitäre Hilfskampagnen, wir rechnen es Menschen hoch an, die Anderen uneigennützig zur Seite stehen und sie in bedürftigen Lebenslagen unterstützen. Wir bewundern große Denker und Philosophen, verehren bedeutende Erfinder und Entdecker der Geschichte und lieben unsere Eltern, die uns zu den Menschen gemacht haben, die wir sind. All dies geschieht freiwillig und wir respektieren diese Menschen, Organisationen und Initiativen aus eigener Motivation heraus, ohne dass uns irgend jemand dazu nötigen muss, ihnen den nötigen Respekt zu zollen. Wer sind die Religionen, dass sie sich anmaßen, genau dies zu tun? Sie hoffen nicht auf eine Wertschätzung, die ihnen von den Menschen aufgrund löblichen Verhaltens oder besonders herausragender Leistungen entgegengebracht werden könnte, sie fordern diesen Respekt kurzerhand ein. Und Respekt fordert meist nur derjenige ein, der ihn selbst nicht verdient hat. Religionen verlangen von Menschen, jene Glaubensvorstellungen zu respektieren, die sie womöglich verachten und – teilweise zurecht – für grausam und unmenschlich halten. Ein vernünftiger Mensch würde sich hüten, derartig unethische Forderungen aufzustellen, doch Glaubensvertreter handeln leider allzu oft nach der antiquierten Ethik ihrer Religion.

Ohne Zweifel gilt dies nicht für religiöse Menschen, wenn diese weitestgehend losgelöst von den fundamentalen Grundsätzen ihrer Religion sind und sie das humanistische Wertesystem der modernen Gesellschaft akzeptieren. Aber eine Religion an sich sollte nur respektieren, wer sich damit auch identifizieren kann.

Haarspalter

Anmerkungen

1 vgl. u. a. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,398812,00.html, http://volksgruppen.orf.at/diversity/Stories/46325/, …
2 vgl. Exodus 22,17 „Hexen sollst du nicht am Leben lassen“
3 vgl. Exodus; „Die Zehn Biblischen Plagen“
4 vgl. Sure 2,191 „Und tötet sie, wo immer ihr auf sie stoßt, und vertreibt sie, von wo sie euch vertrieben haben; denn die Verführung (zum Unglauben) ist schlimmer als Töten. Und kämpft nicht gegen sie bei der heiligen Moschee, bis sie dort gegen euch kämpfen. Wenn sie aber gegen euch kämpfen, dann tötet sie. Solcherart ist der Lohn der Ungläubigen.“; 4,89 „Sie wünschen, daß ihr ungläubig werdet, wie sie ungläubig sind, so daß ihr alle gleich werdet. Nehmt euch daher keine Beschützer von ihnen, solange sie nicht auf Allahs Weg wandern. Und wenn sie sich abwenden, dann ergreift sie und tötet sie, wo immer ihr sie auffindet; und nehmt euch keinen von ihnen zum Beschützer oder zum Helfer“ uvm.
5 vgl. z. B. http://tv.orf.at/program/orf2/20080217/422735801/
6 Als Beispiel wäre hier die unverhältnismäßig hohe Sendezeit zu nennen, die v. a. christlichen Organisationen hierzulande immer wieder zu Teil wird.
7 Das Ferkel steht hier als Platzhalter für die Aufklärung und all jene, die sie forcieren.

3 Antworten zu “Respekt und Glaube”

  1. Ist nicht schon der Begriff ‘Atheismus’ ein sehr problematischer? Durch das Hinzufügen des ‘A’ wird der nicht glaubende Mensch zum außer dem Norm stehenden. Normen, die nicht der Vernunft entspringen, sondern allein aus dem Glauben kommen.

    Sie schreiben von ‘nichtreligiösen Gefühlen’, und ich vermute zu wissen, was sie damit meinen, frage aber vorsichtshalber nach: Gehen Sie davon aus, dass es nebem dem Glauben daran, dass es einen oder mehrere Götter gibt, auch einen Glauben daran gibt, dass es keinen Gott gibt? Die Antwort darauf ist insofern bedeutsam, als das Wissen (anders als Glauben) um die Tatsche, dass es keinen Gott gibt, nichts ist, was in der Gefühlswelt angesiedelt ist. Insofern verletzten mich die Glaubensäußerungen und religiösen Handlungen anderer nicht in meinen Gefühlen; wohl aber, wenn über mich Werturteile abgegeben werden, die aus dem Glauben heraus (und damit unvernünftig) begründet werden (falls sie überhaupt begründet werden), oder wenn der Glaube in körperliche Gewalt umschlägt.

    Ganz konkret (außerhalb jeder Gefühlsfrage) verletzt mich der Umgang mit den den Rundfunk- und Fernsehgeführen. Gottesdienste und ähnliche Veranstaltungen haben im öffentlichen-rechtlichen Fernsehen nichts zu suchen. Wer so etwas sehen möchte, soll dass bitte schön bei einem Pay-TV-Sender buchen oder auf privaten Kanälen anschauen – aber nicht auf meine Kosten.

  2. Sie haben Recht, der Begriff „Atheismus“ macht die Ungläubigen gewissermaßen zu „Außergewöhnlichen“. Wie dies auch bei „Nichtrauchern“ und „Nichttrinkern“ der Fall ist. Irgendwo suggeriert dieses „Nicht-“, dass der „Abstinente“ etwas außer der Norm stehendes ist, aber ehrlich gesagt finde ich auch nach reiflicher Überlegung keinen Begriff, der den „Nichttrinker“ oder den „Ungläubigen“ besser beschreibt und dazu noch allgemein verständlich ist.

    „Glauben“ an sich ist ja schon ein Begriff, der grundsätzlich zwei vollkommen unterschiedliche Dinge meint. Einerseits der Glaube an einen Gott, wo „glauben“ im Sinne von „sich sicher sein, dass“ verwendet wird und das herkömmliche, profane „glauben“ im Sinne von „vermuten“. Indem man Atheisten die Verdammnis wünscht, ihnen auferlegt, Werbung für religiöse Glaubensgemeinschaften im öffentlich-rechtlichen Fernsehen billigen zu müssen, von ihnen fordert, einen Glauben zu respektieren, der die Atheisten selbst verachtet, kann man durchaus „nichtreligiöse Gefühle“ und Empfindungen verletzen.

    Vor allem sind Atheisten allgemein sehr freiheitsliebende Menschen, denen es zutiefst missfällt, dass sich die Medien bisweilen zugunsten der Gläubigen selbst einschränken in ihrer Meinungsfreiheit (z. B. um keine Gewalttaten von Seiten aufgebrachter Gläubiger zu „provozieren“). Diese Einschränkungen, die Atheisten wegen des Glaubens erdulden müssen, stehen diametral zu ihrer Liebe für die Freiheit.

  3. Mit ‘erdulden’ treffen Sie die Sache sehr genau.

    Nebenbei haben Sie mich auf eine nette Idee gebracht,… dazu vielleicht später mehr.

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