Erschießen wegen unnötiger Haftkosten
Bei meiner heutigen abendlichen Durchsicht der Leserbriefe stieß ich auf ein Exemplar, dass ich meinen geschätzten Lesern nicht vorenthalten möchte. Der besagte Brief bezieht sich auf die Schießerei vom 19.04.2008 in Niederösterreich, bei der ein falscher Polizist getötet und zwei weitere verletzt wurden. Nähere Informationen dazu bietet der Kurier oder orf.at. Hier schreibt also ein Herr Beier einleitend:
Diese Polizisten haben nur einen Fehler gemacht, sie haben nicht alle drei erschossen.
So weit so unfassbar. Wie orf.at berichtet, ergaben sich zwei der drei Täter nämlich nach kurzer Flucht:
[...] Nach etwa einem Kilometer war die Flucht bei einem Schnellstraßen-Parkplatz zu Ende. Dort ergaben sich zwei der insgesamt drei Rumänen mit Verletzungen.
Ich persönlich sehe keinen Beweggrund, jemanden zu erschießen, der sich der Polizei ergibt. Unser Leserbriefschreiber hingegen meint:
Die beiden verursachen wieder nur Kosten, für die der Steuerzahler herhalten muss [...]
Man sollte also einen Verbrecher, der sich ergeben hat – ich muss das hier nochmals wiederholen, denn es ist einfach derart unfassbar – abknallen, damit der Steuerzahler nachher nicht für die Haft- und Gerichtskosten dieses “Abschaums” (Zitat Leserbrief) aufkommen muss? Der Schreiber fragt rhetorisch, ob nicht doch “unsere mit Rinderwahn verseuchten Politiker” für die Kosten aufkommen wollten. Es geht bunt weiter mit frauenfeindlichen Aussagen:
Wenn ich die Frauen in der österreichischen Politik einzustufen hätte, wären sie nicht einmal für den Wiener Prater geeignet.
Zuguterletzt verschießt unser Leserbriefautor sein restliches Pulver, indem er sich xenophob zu den Aufwendungen für Asylsuchende äußert:
Anstatt uns Österreichern zu helfen, vergeuden sie unsere Steuergelder lieber, indem sie Asylanten und anderen Individuen das Geld nur so in den A… stecken
Immerhin den Arsch hat er für zensurwürdig erachtet.
Ist es denn fassbar, dass so viel Hass und Idiotie, konzentriert auf wenige Zeilen, als Leserbrief zugelassen werden?
7. Mai 2008 um 22:25
Es ist schwer fassbar, was das Beierlein schreibt (irgendwie hat er die Schwulen vergessen, in seinem Rundumschlag), gleichwohl ist es gut, dass solche Leserbriefe veröffentlicht werden, denn nur so zeigt sich, was für ein Gedankengut in manchen Köpfen ’schlummert’.
8. Mai 2008 um 16:19
Na ich weiß nicht so recht, ob ich daran irgendetwas gut finden kann. Würden derartige Leserbriefe – kommentiert – in einem Qualitätsmedium veröffentlicht werden, so könnte ich das begrüßen. Die Leser einer Boulevardzeitung sind hingegen weitaus unkritischer und nehmen vieles für bare Münze. Sie schenken häufig irgendwelchen Behauptungen, die jedweder Logik entbehren, Glauben oder akzeptieren “schockierende” Zahlen und Daten aus Leserbriefen, die noch gar nicht einmal belegt sind (bspw. wurde kürzlich behauptet, es gäbe in Österreich 800.000 Alkoholkranke; tatsächlich geht man davon aus, dass es “nur” 340.000 sind; aber das nur am Rande).
Mir gefällt diese Art Journalismus nicht. Es wäre weniger bedenklich, wenn derartige Leserbriefe in einer kleinen Postille mit 1 000 regelmäßigen Lesern veröffentlicht würden. Aber diese Blätter haben teilweise ein Millionenpublikum.
8. Mai 2008 um 21:31
Ok, an dem, was Du schreibst, ist durchaus etwas dran.
Ich frage mich manchmal, wer diese Leute sind die zB in Deutschland die NPD wählen (in Österreich gibt’s sicher vergleichabares). Einen Teil der Wähler sieht man auf den Straßen und erkennt sie auch. Aber es gibt auch den unerkannt bleibenden Teil, der aber hin und wieder in Gestalt von Leserbriefen ans Tageslicht kommt.