Die Mutter spricht: Den Gott, den gibt es nicht

Ist es richtig, sein Kind über das Nichtvorhandensein eines Gottes aufzuklären oder stellt man sich damit nur in eine Reihe mit den religiös-missionarischen Wahrheitsmonopolisten?

Die Inspiration zu dieser Überlegung lieferte mir eine Diskussionsteilnehmerin in einem Forum. Sie schreibt:

Es ist von der Selbstentscheidung her genau das gleiche, als wenn du den Kindern von Gott erzählst. Es ist genauso eine Beeinflussung der Kinder, denn eine neutrale Zone gibt es nicht. Die Kinder lernen von dem, was sie von den Eltern mitbekommen, sei es, was sie ihnen erzählen oder ihnen vorleben. Ich will nicht damit sagen, dass wir Christen keinen Einfluß auf die Kinder ausüben, denn das stimmt ja nicht. Aber genauso sollten Atheisten auch zugeben, dass auch sie sich nicht in einem neutralen Feld befinden, wenn sie ihren Kindern erzählen, es gäbe keinen Gott.

Die Verfasserin – der ich vorweg meinen herzlichen Dank für diese Anregung aussprechen möchte – stellt in ihrer Argumentation das Christentum auf ein und dieselbe Stufe wie den Atheismus. Sie sieht den Atheismus als ein weiteres Boot im überquillenden Yachthafen der Religionen, die sich dort gegenseitig an äußerlichen Verlockungen und trügerischem Prunk kaum mehr zu überbieten wissen. Sie wird sich nie ausführlich und ernsthaft mit dem “Unglauben” auseinandergesetzt haben, wenn ihr der fundamentale Unterschied zwischen dem Atheismus und den drei abrahamitischen Weltreligionen – um exemplarisch einige bekannte Religionen herauszugreifen – nicht bekannt ist.

Der Unterschied ist kein geringerer, als dass sich der Atheist an logische und empirische Beweise hält, während der Glauben – darum heißt er auch so – weder Argumente, noch Beweise logischer oder empirischer Natur benötigt, um zu existieren. Der aufgeklärte Mensch denkt wissenschaftlich, er gelangt durch Forschung – auch im abstraktesten Sinn – an neue Erkenntnisse, während es dem gläubigen absolut keiner Forschung bedarf. Was er wissen muss, steht für alle Zeiten unabänderlich in der Heiligen Schrift geschrieben. Dass sich diese antiquierten Ansichten nicht mit unserer Wissenschaftlichkeit vereinen lassen, liegt auf der Hand. Denn kein Mensch hätte schon vor Hunderten von Jahren sämtliches Wissen, das jetzt und in ferner Zukunft bestehen wird, in einem einzigen Schmöker festhalten können. Alleine ein halbwegs umfassendes Werk über die Grundlagen der menschlichen Physiologie sprengt heute den Umfang der Schriften, an die man sich stets gerne hält und aus denen man als Gläubiger seine Lebensweisheiten zitiert.

Doch hier liegt der Hund begraben. Gläubige sehen die Heiligen Schriften als gottgewollt, was einschließt, dass sie in ihrer Unumstößlichkeit ewigen Bestand haben werden, denn der Allmächtige ist der allgemeinen Vorstellung nach auch allwissend und unfehlbar. Daraus ergibt sich, dass sich Vetreter der drei monotheistischen Weltreligionen anmaßen, brandaktuelle Dinge wie etwa die embryonale Stammzellforschung als nicht “gottgewollt” zu bezeichnen, finden sich doch Widersprüche dazu in den Schriften. Es gelingt den Gläubigen, durch die Versessenheit auf die Lehren aus längst verstaubten Büchern, ihren Verstand auszuschalten und emsig nachzurecherchieren, welcher Vers nach Ausschöpfung sämtlicher Interpretationskunst letztendlich im Widerspruch zu der jeweiligen Sache stehen könnte. Ist das der Fall, so muss diese Sache boykottiert werden, ungeachtet dessen, ob der gesunde Menschenverstand etwas anderes gebieten würde.

Es ist gleichermaßen schädlich wie töricht, sich bei der Meinungsfindung aus dieserart veraltetem Schriftmaterial zu bedienen. Der Grund ist ebendiese Antiquiertheit – was vor hunderten Jahren noch als zeitgemäß galt, ist heute aufgrund des stetigen Wissenszuwachses längst überholt. Beinahe niemand würde heute mehr versuchen, ernstzunehmende Krankheiten durch Handauflegen zu heilen, wie es in der Blütezeit der bekannten Weltreligionen üblich war. Doch ist es nicht ebenso schädlich und gefährlich, zahlreiche neue Forschungsmöglichkeiten etwa auf dem Gebiet der Medizin der dogmatischen Gebote der Religionen wegen zu boykottieren bzw. es zuzulassen, dass solcherart archaische Ansichten überhaupt in einem seriösen Medium Gehör finden? Wir laden zwar keine “Handaufleger” zu Diskussionsrunden im öffentlichen Rundfunk ein, aber dem Klerus, der sich auf ebenso altertümliches Wissen stützt, wird immer bereitwillig Audienz gewährt.

Ich habe dargelegt, wie wertvoll eine aufgeklärte und wie abträglich eine religiös-dogmatische Denkweise für die Gesellschaft ist. Die aufgeklärte Erziehung ist wertvoll, weil damit von Grund auf die wissenschaftliche Reflexion gelehrt und geübt wird, während es der religiös-dogmatischen weder um Reflexion, noch um Wissenschaftlichkeit geht, sondern rein um das bedingungslose Akzept einer vorgebildeten, unumstößlichen Meinung. Was grundsätzlich abzulehnen ist, aber niemals wird verhindert werden können. Wenn die Mutter zu ihrem Spross nicht spricht: “Mein Kind, den Gott, den gibt es nicht”, sondern es lieber gesellschaftlich akzeptierter, also auf agnostischer Basis versucht und dem Kind lediglich lehrt, dass es weder Beweise, noch Gegenbeweise für einen Gott gibt, so muss sie dies konsequenterweise auch für das Spaghettimonster, rosa Einhörner und Kaffeetassen, die im All herumschwirren, aber so klein sind, dass sie niemand erfassen kann, tun. Denn all diese “Phänomene” kann man weder beweisen, noch wird irgendwann irgendjemand einen Gegenbeweis antreten können.

Dennoch wird mir niemand vorwerfen, meinen Sohn oder meine Tochter in unangemessener Weise zu beeinflussen, wenn ich ihm schlicht und einfach erkläre, dass es keine Kaffeetassen gibt, die in einer Unzahl im Weltall herumschwirren, aber so klein sind, dass sie niemand erfassen kann.

8 Antworten zu “Die Mutter spricht: Den Gott, den gibt es nicht”

  1. dein Blog gefällt mir immer mehr!

  2. Danke für die Blumen. :-)

  3. Full agree was die Sache mit dem geschriebenen Wort über die monotheistischen Religionen auf sich hat.

    Die Definition des Gottes der katholischen Kirche, um bei einem Beispiel zu bleiben, ist so konkret klar umschrieben, dass es mit formaler Logik äusserst einfach ist, diese in das Land der Fabeln und Märchen zu verbannen. (Stichwort: Theodizee)

    Die kath. Kirche gab und gibt sich alle Mühe, dass geschriebene Wort als Gott gegeben anzusehen und sollten dabei irgendwelche Ungereimtheiten im Wege stehen, werden diese einfach weg interpretiert.

    Niemand kann einen Beweis antreten, dass es Gott generell nicht gibt, dies ist unmöglich weil es keine Negativ-Beweisführung gibt. Aber die Kirche hat ihrem Gott ganz konkrete Attribute und eine Menge an Regeln mitgegeben, um die Menschen an diesen “Schöpfer” zu binden und eben die Regeln können gekippt werden. Und da die kath. Kirche Gott als Ganzes ansieht, ohne Abstriche und Fehlern, hat sie Gott selbst demontiert.

    Würde die kath. Kirche ihren Gott einfach als “gegeben” ansehen, ohne Attribute, Regeln und Gebote, so gäbe es keine Diskussion darüber, weil es ja keine genau Definition von diesem Wesen gäbe. Alles wäre dann möglich…

    Je genauer etwas beschrieben ist, desto besser kann es bewiesen oder wiederlegt werden. Logische Ungereimtheiten und Widersprüche nicht mal inklusive.

    Den christlichen, katholischen Gott als Wesen hinzustellen welches existiert, finde ich daher angebracht, denn dies kann man begründen und aufzeigen.
    Einen Gott oder Götter im allgemeinen kann man nicht verneinen. Das Spaghettimonster ist in diesem Zusammenhang sogar noch realistischer wie Gott, denn Spaghetti und Bier gibt es, den logischen Zirkel ist hier sogar noch besser zu vermitteln :-)

    Das Problem mit den Dinge die wir nicht sehen, riechen, schmecken fühlen oder anfassen können ist, man kann ihnen schlecht Attribute geben und wer dies doch tut, tut gut daran dies zu begründen, dies gilt für alle Belangen in unserer Welt. Man wirft mir häufig vor, ich verschliesse meine Augen vor den Dinge die “zwischen Himmel und Erde” sonst noch zu finden sind. Gut möglich, aber ich muss meine Augen nicht mal verschliessen, ich sehe sie schlicht nicht und wenn mir jemand das Gegenteil behauptet, so will ich einen Beweis sehen das “Ding” existiert, vor allem dann, wenn daran noch Regeln, Gebote und Verpflichtungen geknüpft sind.

    Grüessli,
    Daniel

  4. [...] den Haarspalter bin ich auf eine äußerst interessante Glaubensgemeinschaft aufmerksam geworden, die Church of the [...]

  5. Die Spaghettimonstertheorie ist nicht nur plausibler, sie ist auch humaner. Man stelle sich nur vor, all jene, die sich heute zum Christentum bekennen, wären Spaghettimonsteranhänger. Das würde bedeuten, keine religiös motivierte Frauenfeindlichkeit, keine Diskriminierungen, Vorurteile, relig. Dogmen, etc. Die Welt könnte schön und friedlich sein. :-)

    Das besondere am Glauben ist ja, dass er keine Belege benötigt, um zu existieren. Der gläubige Jurist scheint in der Kirche sein Hirn auszuschalten, wenn er plötzlich – anders als im Gerichtssaal – für nichts mehr einen Beweis benötigt und alles als (gott)gegeben hinnimmt. Schon merkwürdig, irgendwie.

    Auch Dir einen schönen Gruß
    Michael

  6. Gut gesprochen!

    Niemand von den Gläubigen kämme auf die Idee, bei Rot mit geschlossenen Augen eine vier spurige Autostrasse zu überqueren. Gottesvertrauen wird an dieser Stelle zu Gunsten der eigenen Erfahrung in den Hintergrund gestellt. Diese Personen würden nicht mal ein leeres Blatt Papier mit ihrem Namen unterschreiben, die Erfahrung lehrt sie eines besseren.

    Häufig darf ich noch erklären, dass ich keineswegs etwas gegen den Glauben habe, wer an was und wieso glaubt ist mir vollkommen egal. Dies geht mich nichts an und ich darf mir darüber auch kein Urteil fällen.

    Hingegen fertig Lustig ist es, wenn mir jemand mit: “Du musst”, “Es steht geschrieben” und “Gott sagt” kommt, dann bin ich plötzlich ein Spielverderber der unnötige Fragen stellt.
    Spannend ist in diesem Zusammenhang immer wieder zu beobachten, dass die Gläubigen die Religion und den Glauben logisch und rational erklären versuchen. Scheitern sie daran weil die Logik zirkulär ist, dann wechseln sie z.B. zu dem Statement rüber: “Dies müsse man bildlich betrachten”, “Man dürfe es nicht mit Logik angehen” oder der Beste von allen:

    “Die Wege des Herrn sind unergründlich”

    Dani, der genüsslich seine Pasta isst, welche ihm das FSM per Kurier nach Vancouver lieferte.

  7. “Die Wege des Herrn sind unergründlich”

    Ich hasse diesen Spruch. :-) Auf Beerdigungen gibt es immer mindestens eine Person, die ihn so oder in abgewandelter Form verlautbart.

  8. [...] Un-Glaube? Die Mutter spricht: Den Gott, den gibt es nicht [...]

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